Samstag, 8. August 2015

Alles gegeben



Und jetzt liege ich hier. Hier neben ihm. Mein Handrücken berührt seine Handfläche und sofort durchzuckt ein elektrischer Schlag meinen ganzen Körper. Es ist ein Schlag der Enttäuschung, aber auch der Gewissheit, dass die Sache mit mir und ihm schon jetzt nicht funktionieren würde und auch nie funktionieren wird. Plötzlich setzte er sich auf und schaute mir mit seinen leuchtend grünen Augen in die meinen. Unsere Blicke verharrten lange in den Augen des jeweils anderen und ich merkte dass seine Miene sehr ernst aber auch so liebevoll wie immer war. Ich schluckte schwer, konnte aber meinen Blick nicht von seinen Augen wenden. Von diesen wundervollen Augen, in den ich mich jedes Mal aufs Neue verlor. So saßen wir uns also nur im Schneidersitz gegenüber und konnten unsere Blicke einfach nicht voneinander abwenden.
Mein Blick wanderte von seinen Augen über seine Lippen bis hin zu seinen weichen, zärtlichen Händen, die nun sanft die meinen festhielten. Fließend und ohne weitere Zeichen legte ich mich in seine starken Arme und auch er rutschte nun tiefer, um meinen Kopf an seiner Brust zu fühlen. So lagen wir nun da, ich in seinen Armen, die mir das sofortige Gefühl von Schwerelosigkeit und Geborgenheit  gaben und ich spürte seinen sanften Atem in meinem Nacken, spürte wie er mir mit der Hand durchs Haar strich. Wir beide lagen da, Arm in Arm, und spürten den ruhigen Atem und den sanften Herzschlag des anderen. Seine Arme legten sich von hinten um meine und ich spürte einen behutsamen Druck. Ich hob langsam den Kopf und sah ihn an. Sein Gesicht war plötzlich nur noch wenige Millimeter von meinem entfernt. Ich  schloss die Augen und atmete den wundervollen Geruch seines Parfüms ein. Seine Augen mit diesen traumhaft vollen Wimpern sahen mich durch dringlich an. Ich blickte zurück und er zog mich noch näher an sich, sodass sich unsere Gesichter berührten. Wimpernschlag für Wimpernschlag schauten wir uns immer tiefer in die Augen und ich spürte jeden seiner Atemzüge. Unsere Gesichter näherten sich immer mehr bis ich schließlich spürte, wie seine weichen Lippen meine berührten. Ich sah in seine Augen und bemerkte, wie sein Blick sehnsüchtig an meinen Lippen haften geblieben war, denn unsere Lippen berührten zwar einander, wir küssten uns dennoch noch nicht. "Ich liebe dich..", flüsterte er und küsste mich auf den Mund, blieb an meinen Lippen haften und wiederholte den Kuss mit noch mehr Sehnsucht. Er hatte die Augen geschlossen und ich spürte die Sehnsucht nach mir in jeder Faser seines Körpers. Ich biss ihm vorsichtig in die Unterlippe und erwiderte behutsam den Kuss. Doch Kuss für Kuss merkte ich immer mehr, dass etwas nicht stimmte. Dass etwas mit uns nicht stimmte. Ich versuchte mich dem Kuss voll und ganz hinzugeben, versuchte mich ihm voll und ganz hinzugeben. Doch ich konnte es nicht. Ich konnte es einfach nicht. Es fühlte sich nicht richtig an, nicht für mich. Es fühlte sich an, als würde ich etwas Gewaltiges erzwingen wollen, was aber einfach nicht da war. Als würde ich krampfhaft und mit allen Mitteln versuchen glücklich zu sein. Aber ich war es einfach nicht. Das hier war  nicht das, was ich wollte und womit ich glücklich werden würde. Das hier war falsch und ich würde ihn nicht belügen, nicht diese wundervolle Person, denn so etwas hatte er einfach nicht verdient. Und ich könnte ihm das niemals antun. Ich löste mich abrupt von seinen Lippen und meine Augen füllten sich mit Tränen. "Tut mir leid, aber.. ich kann das nicht", meine Stimme brach mitten im Satz. Ich  schaute zunächst nach unten und dann in seine Augen, die zwar immer noch grün waren, aber nun nicht mehr strahlten. Das Leuchten war erloschen und geblieben war ein glasiger, verschwommener Blick bitterer Enttäuschung. Er nickte langsam und seine Arme lösten sich von meinen. Er setzte sich auf und starrte mit abgewandten Blick aus dem Fenster, in seinen Blicken lag Schmerz und Enttäuschung. Jetzt liege ich also hier neben ihm. Unsere Handflächen berühren sich und ich würde am liebsten einfach nur schreien. Schreien, weil ich weiß, dass es nie wieder so werden wird, schreien, weil ich sein Herz gebrochen habe, ohne es zu wollen und schreien, weil nun auch mein Herz gebrochen ist. Doch ich kann es einfach nicht, nicht mehr. Wortlos stehe ich auf und gehe langsam zur Zimmertür. Im Türrahmen bleibe ich noch einmal stehen und schaue zurück auf das Bett. Schaue zurück auf ihn, wie er immer noch schweigend die Wand mit seinen Blicken fixiert, die von Sekunde zu Sekunde immer trauriger und enttäuschter werden. "Mach's gut..", sage ich leise. Er hebt den Kopf und schaut mich an, mit einem Blick, als wäre er vollkommen woanders, als wäre er bereits nicht mehr auf dieser Welt, nicht mehr im Hier und Jetzt. Sein Rücken ist gekrümmt und seine Augen glasig, leer und ohne weiteren Sinn, noch weiterzukämpfen. Ich stehe immer noch im Türrahmen und weiß, dass ich gerade die wertvollste Person meines Lebens verloren habe und dass das allein meine Schuld ist. Ich habe ihn gebrochen. Ich habe versagt. Habe ihm jeglichen Lebenssinn genommen, nur um selbst glücklicher zu werden. "Es tut mir so leid..", flüstere ich, dann verlasse ich das Zimmer. Ich verlasse das Haus und laufe die Straße hinunter. Ich laufe und laufe,  werde immer schneller, doch ich blicke nicht ein einziges Mal zurück...

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