In einer sternenklaren Nacht holt er sie ab. Sie schleicht sich aus dem Haus ihrer Eltern, auch wenn sie Angst hat, erwischt zu werden. Das ist egal, andere Dinge sind nun einfach wichtiger. Sie steigt hinter ihm auf sein Motorrad und setzt sich den Helm auf. Er startet die Maschine, der Motor heult auf und sie fahren schnell unter dem sternenbesetzten Nachthimmel, die Reifen quietschen auf dem Asphalt. Während der Fahrtwind durch ihr Haar wirbelt, macht sie sich Gedanken, wie sie ihm alles am besten sagen wird, ohne dass er ausrastet und sofort in Tränen ausbricht. Ohne, dass sie ihm das Herz bricht, es in tausend winzige Einzelteile zersplittert und sie ihn im Scherbenhaufen seines gebrochenen Herzens zurücklasst. Doch sie weiß, dass sie dies nicht umgehen können wird: Es ist aus. Aus und vorbei. Das alles muss einfach aufhören, es kann nicht warten. Und es wird nicht warten, es ist das Beste für sie sowohl als auch für ihn... Noch immer gedankenverloren hält sie sich an ihm fest, ihre Arme umklammern seine Taille und sie spürt jeden seiner Atemzüge. Als sie um eine Kurve fahren und sich bereits außerhalb der Stadt auf einer Straße an den Klippen befinden bemerkt sie, wie er allmählich das Motorrad immer mehr und mehr beschleunigt.
Sein ruhiger, ausgeglichener Fahrstil ist verschwunden, nun gleicht
es immer mehr einer besessenen Todesjagt. Irgendetwas stimmt hier nicht.
Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Panik steigt in ihr hoch und
plötzlich, als sie nun hier mit ihm auf dem rasenden Motorrad sitzt, über ihnen
der weite Sternenhimmel, weiß sie es: Er weiß es. Er weiß von ihrem Vorhaben.
Er weiß, dass es vorbei ist und es kein Zurück für die beiden gibt. Er weiß,
dass es aus ist und er daran nichts ändern kann. Das Motorrad wird immer
schneller und schneller und sie spürt, wie sich nun auch jeder Muskel und jede
Faser seines Körpers unter der Motorradkleidung anspannen, so als würde er kurz
vor dem Explodieren stehen, als hätte er endgültig genug gekämpft für eine
Liebe die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war... Er beschleunigt die
Maschine immer noch und es fühlt sich an, als würden sie bereits fliegen und
kein Teil der Welt mehr sein. "Was soll das, was hast du vor?!",
schreit sie panisch, Todesangst in der Stimme, die vom Fahrtwind gedämpft wird.
Plötzlich durchzuckt ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper, als stünde er unter Strom. Er wusste von
Anfang an, was sie ihm heute zu sagen plant. Er weiß, dass es heute ein Ende
haben wird, ein für alle Mal. Das Mädchen seiner Träume wird er verlieren, ausgerechnet
das Mädchen, das er von Sekunde zu Sekunde mehr und mehr liebt und nie
verlieren wollte... Dieser Gedanke frisst ihn innerlich auf, er will es nicht
wahrhaben, will nicht, dass sie nie wieder Sein sein wird und ihre Spuren in seinem Leben immer mehr
verblassen werden, bis sie schließlich für immer weg ist und nie wiederkehren
wird. Mit dieser Gewissheit kann und will er nicht leben. Nicht in diesem
Leben. Er gibt noch mehr Gas, der Motor dröhnt in den Ohren, heult wie ein
verwundetes Ungeheuer. "Wenn ich dich nicht lieben darf, dann wird das
auch niemand anders dürfen!", schreit er mit gebrochener, verzweifelter,
aber dennoch entschlossener Stimme zurück, die Worte treffen sie wie
Messerstiche. Er hat seine Entscheidung getroffen, nichts hält ihn davon
zurück, denkt sie angsterfüllt und verzweifelt versucht sie mit aller Kraft ihn
zurückzuhalten, doch es ist bereits zu spät: Der Motor heult auf, das Motorrad durchbricht mit überschneller
Geschwindigkeit die Absperrung, die die Straße von dem tiefen und steilen Klippenabhang
trennt und ein letzter, angsterfüllter und schriller Schrei erstreckt sich in
die Nacht, bevor Er und Sie mitsamt Motorrad in die Tiefe fallen ein Schrei der
gebrochenen Liebe zwei gebrochener Menschen, dessen Leben an dieser Liebe
zerbrachen. Der Schrei hallt noch an den Klippenwänden nach, dann ist es still,
über den leblosen Körpern der zwei gebrochenen Liebenden immer noch der endlos
weite Sternenhimmel...
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